Alte Objektive an Spiegelreflex- und Systemkameras – meine Erfahrungen

Für alle aktuellen digitalen Kameras gibt es eine reichhaltige Auswahl moderner Objektive, die speziell auf das System des Herstellers ausgerichtet sind. Funktionen wie Autofokus und Bildstabilisierung erleichtern das Fotografieren ungemein. Man kann jedoch auch viele alte Objektive (produziert z.B. in den 80ern und davor) an modernen Spiegelreflex- und Systemkameras verwenden. Warum das für den ein oder anderen Fotografen interessant sein kann und was man dabei Grundlegendes beachten sollte, erkläre ich anhand meiner Erfahrungen im folgenden Artikel.

Warum alte Objektive verwenden… und warum nicht?

Alte Sachen üben eine gewisse Anziehungskraft auf uns aus. Viele schwören heute noch auf den tollen Klang von Schallplatten oder den besonderen Look von analogem Film. Begriffe wie „vintage“ und „retro“ schwirren durch die Medien und die Köpfe vieler Leute. Der Reiz des Alten ist ein Trend, der bei vielen Fotografen auch dazu geführt hat, sich mit „alten Linsen“ auseinanderzusetzen. Das mag einige emotionale Gründe haben, aber auch ein paar rein pragmatische – zum Beispiel:

  • Kosten: Sehr viele ältere Objektive findet man auf dem Gebrauchtmarkt zu relativ günstigen Preisen. Meist sind moderne/neu produzierte Objektive von vergleichbarer Qualität wesentlich teurer. Man bekommt also für weniger Geld eine ähnlich hohe Qualität. Vor allem lichtstarke, optisch gute Festbrennweiten findet man in Hülle und Fülle unter den „Oldies“. Diese Aussage darf aber nicht pauschalisiert werden. Es gibt selbstverständlich auch „Gurkengläser“ von schlechter Qualität, von denen man die Finger lassen sollte.
  • Stil: Einige alte Objektive haben „diesen ganz bestimmten Look“, welchen man mit keinem anderen Objektiv umsetzten kann. Meist hat die besondere Art des Bokehs einen großen Einfluss darauf. Das ist zwar eher eine subjektive Entscheidung, kann aber für einige Fotografen sehr wichtig sein. Wenn der Stil eines ganz bestimmten Objektivs sehr gut mit dem persönlichen Stil des Fotografen harmoniert, ist das ein sehr wichtiger Grund, dieses Objektiv zu verwenden.
  • Haptik: Die Arbeit mit alten Objektiven ist meist sehr angenehm und benutzerfreundlich. Das liegt vor allem an der Haptik/Verarbeitungsqualität dieser Objektive. Sie sind aus Metall, die Blende lässt sich direkt am Objektiv einstellen und der Fokusring arbeitet hochpräzise & lässt sich sehr genau justieren.

Das klingt alles sehr vielversprechend. Man muss sich jedoch darüber im klaren sein, dass es damals an den Objektiven noch keinen Autofokus gab. Man muss also immer manuell fokussieren. Daher: Statt den Auslöser halb durchzudrücken und die Kamera automatisch scharf stellen zu lassen, muss man dies durch Justage des Fokusrings am Objektiv selbst erledigen. Dies ist das größte Hindernis – insbesondere für Einsteiger – sich mit diesen Objektiven zu beschäftigen. Auch für Motive, wo man blitzschnell scharf stellen muss (z.B. Sportfotografie), sind diese Objektive weniger geeignet.

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Alte Objektive – meine Erfahrungen mit manuellem Fokussieren, Zubehör und Handhabung

Manuelles Fokussieren erfordert ein wenig bis hin zu sehr viel Übung – das ist stark abhängig vom Motiv, der verwendeten Brennweite und der Kamera-Art. Bisher habe ich nur ein altes Objektiv – ein Fujinon-W 1:2.8/35 – in meinem Besitz. Es ist eine recht lichtstarke (Blende 2.8) Festbrennweite bei 35mm – damit bekommt man recht viel aufs Bild und kann trotzdem noch gut freistellen. Die Art des Anschlusses nennt man „M42“ – das ist wichtig, um den richtigen Adapter zu kaufen, damit das Objektiv auch an der jeweiligen Digitalkamera angeschlossen werden kann (weiter unten mehr dazu). Nachfolgend beschreibe ich meine Erfahrungen mit diesem Objektiv an meiner Spiegelreflexkamera und meiner spiegellosen Systemkamera.

Meine Erfahrungen an einer Spiegelreflexkamera

Zum Einsatz kam meine Canon EOS 5D Mark II*. Um über den optischen Sucher einer Spiegelreflexkamera besser manuell fokussieren zu können, habe ich zudem eine andere Mattscheibe in die Kamera eingebaut. Die herkömmliche Standard-Mattscheibe bringt zwar viel Licht auf den Sucher (gut für lichtschwächere moderne Zoomobjektive), ist aber für eine genaue Beurteilung der Schärfentiefe durch den Sucher weniger gut geeignet. Die Beurteilung der Schärfentiefe ist jedoch für eine genaue manuelle Scharfstellung sehr wichtig. Für solche Anwendungsfälle gibt es für Canon eine andere Mattscheibe, wo man im Sucher besser sehen kann, wo exakt sich gerade die Schärfe im Bild befindet. Ich habe daher die Standard-Mattscheibe durch die EG-S Mattscheibe* in meiner DSLR ersetzt. Um nun noch das Objektiv an meiner 5D Mark II zu befestigen, habe ich mir einen Adapter von M42 auf Canon EF* gekauft.

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Mein altes Fujinon-W 1:2.8/35 an meiner Spiegelreflexkamera (Canon EOS 5D Mark II)
Mein altes Fujinon-W 1:2.8/35 an meiner Spiegelreflexkamera (Canon EOS 5D Mark II)

Mit etwas Übung funktioniert das manuelle Scharfstellen über den optischen Sucher in Kombination mit der Mattscheibe ganz gut. Je intensiver man sich damit beschäftigt, desto treffsicherer wird man damit. Ich persönlich brauchte allerdings auch nach einiger Übung immer eine bestimmte Zeit, ehe ich mir halbwegs sicher war, dass ich auch genau den Punkt fokussiert hatte, den ich wirklich scharf abgebildet haben wollte. Bei ruhigen Motiven war das kein Problem – sobald es jedoch etwas schneller gehen musste, lies bei mir die Präzision stark nach. Es funktionierten auch Motive besser, wo ich näher dran war – wo das Freistell-Potential und der Anteil an Bokeh also höher waren, insbesondere bei Offenblende habe ich hier gute Ergebnisse erzielt. Sobald ich allerdings weiter weg war und auch die Blende weiter geschlossen habe (=mehr Schärfentiefe), war es für mich nicht mehr so ersichtlich, ob ich durch meine manuelle Scharfstellung auch wirklich den Punkt treffe, wo die Schärfe am höchsten ist. Hier half dann nur eine Scharfstellung über das Kamera-Display und dessen Lupenfunktion, was sehr lange dauern kann und sich nur für z.B. Stillleben und Landschaften eignet. 35mm Brennweite sind für manuelles fokussieren am Anfang auch eine kleine Herausforderung – die Schärfentiefe ist hier ja auch nicht so gering, wie z.B. bei 50mm oder mehr. Vielleicht hätte ich mir für den Anfang eher eine längere Brennweite zulegen sollen. Damals hatte ich jedoch schon eine gute 50mm-Festbrennweite von Canon, aber keine 35mm-Festbrennweite.

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Nachbar’s Katze hielt in dem Moment still und ich war nah dran – hier gelang mir manuelles Fokussieren mit der Spiegelreflexkamera

Alles in allem habe ich mich nie richtig daran gewöhnt, das Fujinon-W 1:2.8/35 gern und oft an meiner Spiegelreflexkamera zu verwenden und manuell zu fokussieren. Bei bestimmten Situationen und Motiven war es dann doch immer noch ein Ratespielchen und nicht allzu selten lag ich beim Scharfstellen daneben – das Foto war unscharf. Spätestens mit dem Kauf des (da ich 35mm doch sehr mag), hatte sich die Sache mit der Verwendung alter Objektive an meiner Spiegelreflexkamera dann für lange Zeit erledigt. Dies soll jedoch nicht zwangsläufig heißen, dass es nicht möglich ist oder keinen Spaß machen kann – mit etwas mehr Brennweite, genug Übung und geeigneten Motiven kann man damit gute Ergebnisse erzielen – es war nur für mich persönlich keine Option.

Meine Erfahrungen an einer spiegellosen Systemkamera

Die Erfahrungen an meiner Spiegelreflexkamera liegen zugegeben um die 1-2 Jahre zurück. Erst mit dem Aufkommen von Systemkameras und deren elektronischen Suchern wurde ich wieder auf das Thema „Manuelles Fokussieren mit alten Objektiven“ aufmerksam. Elektronische Sucher in Systemkameras bieten neuerdings Funktionen, die einem beim manuellen Fokussieren helfen (mehr dazu weiter unten). Anfang des Jahres habe ich mir eine Olympus OMD EM-10* gekauft, um mich näher mit dem Thema Systemkameras auseinanderzusetzen und deren Vor- und Nachteile besser kennen zu lernen. Ich bin bisher sehr positiv überrascht von „der kleinen“. Nun wollte ich der Sache mit den alten Objektiven und dem manuellen Fokussieren noch eine Chance geben. Aus diesem Grund habe ich mir auch für die Olympus einen Adapter von M42 auf MFT (Micro Four Thirds) der Firma K&F Concept gekauft. Somit konnte ich auch an die Systemkamera das Fujinon-W 1:2.8/35 anschließen (gut, dass ich es nicht wieder verkauft hatte).

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Ein wichtiger Fakt am Rande: Die Sensoren in den sogenannten Micro Four Thirds Kameras von Olympus und Panasonic sind in etwa um die Hälfte kleiner als jene in Vollformat-Spiegelreflexkameras wie der EOS 5D Mark II. Dadurch ändert sich auch der Bildausschnitt. Im Fall meiner 35mm-Festbrennweite bedeutet dies, dass ich an der Olympus damit in etwa einen Bildausschnitt von 70mm erziele. Das entspricht einem leichten Teleobjektiv.

Wie sind nun meine Erfahrungen an der Olympus und wie unterscheiden sie sich vom manuellen Fokussieren an meiner Spiegelreflex? Um es direkt auf den Punkt zu bringen: Es lässt sich damit wesentlich schneller und angenehmer manuell fokussieren, man kann allerdings kein Objektiv mit schnellem und präzisem Autofokus ersetzen. Der Hauptgrund für die bessere Handhabung ist der elektronische Sucher und deren Fokussierhilfen.

Focus Peaking

Die erste Hilfe nennt sich „Focus Peaking„. Wenn ich diese Funktion aktiviere, werden alle scharf gestellten Kanten farblich markiert. Die Farbe kann man je nach Geschmack und Motivsituation auf rot, gelb oder weiß anpassen. Auch die Stärke des Effekts lässt sich einstellen. Man sieht mit dieser Hilfe sofort, welche Bereiche im Bild scharf gestellt sind. Auf diese Weise kann man in vielen Situationen wesentlich schneller und präziser den gewünschten Bereich im Bild scharf stellen. Ich habe diese Funktion sofort in mein Herz geschlossen und möchte sie nicht mehr missen. Trotzdem ist sie mit einigen Einschränkungen verbunden denen man sich bewusst sein sollte. Meiner Erfahrung nach werden wirklich nur Kanten farblich markiert – das hat zwei Nachteile. Zum einen werden scharf gestellte Motive ohne markante Kanten (z.B. Flächen) nicht oder sehr wenig berücksichtigt. Andererseits kann es vorkommen, dass auch Kanten markiert werden, die gar nicht scharf gestellt sind. Das Focus Peaking kann einen also auch in die Irre führen. Man kann dem etwas entgegen wirken, indem man die Intensität einstellt – das Grundproblem beseitigt es aber nicht vollständig. Focus Peaking ist toll, man muss es aber reflektiert einsetzen.

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Manuell fokussieren mit alten Objektiven - Focus Peaking
Hier wurde ausschließlich Focus Peaking bei weit offener Blende (f2.8) und nah am Motiv erfolgreich angewendet. Die Abstriche in der Schärfe kommen hier durch die Offenblende und das Gegenlicht zustande.

Fokuslupe (im Sucher)

Die zweite Hilfe ist die „Fokuslupe„. Sobald ich die Taste dafür drücke, vergrößert das Sucherbild eine vorher markierte Stelle (der Bereich, welchen ich scharf stellen möchte). Nun kann ich am Objektiv den Fokusring einstellen, bis diese Stelle scharf dargestellt ist. Dann kann ich auslösen. Ein erneuter Klick auf die Taste zeigt den Sucher wieder in normaler Ansicht. Im Prinzip funktioniert es so ähnlich wie bei der Lupenfunktion des Displays meiner 5D Mark II – dort bietet sich mir eine ähnliche Möglichkeit. Bei der Olympus kann ich die Funktion aber wesentlich schneller direkt im Sucher verwenden – ein immenser Vorteil. Diese Methode ist sehr, sehr präzise, wie ich festgestellt habe. Durch die Vergrößerung kann man genau beurteilen, wann die maximale Schärfe erreicht ist. Es geht zwar schneller als bei meiner DSLR – allerdings dauert der gesamte Prozess doch noch um einiges länger als das Fokus Peaking. Man muss erst die zu vergrößernde Stelle auf dem Bild mit den Richtungstasten auswählen, die Taste zum Vergrößern drücken und dann fokussieren. Ich nutze diese Methode derzeit unterstützend zum Fokus Peaking, wenn dieses an seine Grenzen kommt. Bei ruhigen Motiven und mit etwas Geduld sitzt der Fokus so gut wie nie daneben – auch bei geschlossener Blende und weiter weg vom Hauptmotiv. Das habe ich an meiner DSLR in der Qualität nie wirklich hinbekommen.

Manuell fokussieren mit alten Objektiven - Fokuslupe
Zusätzlich zum Focus Peaking wurde hier mittels Lupe auf die Hälme oben in der Mitte scharf gestellt, da wegen geschlossener Blende und der Entfernung zum Motiv beim Focus Peaking sämtliche Kanten im Bild farbig markiert wurden.

Fazit

Wer sich mit alten Objektiven auseinandersetzen möchte, der tut das besser mithilfe der Fokussierhilfen in elektronischen Suchern von Systemkameras. Gerade für Einsteiger sind diese Hilfen eine große Erleichterung. An Spiegelreflexkameras gelingt eine ähnlich präzise Scharfstellung meiner Einschätzung nach nur mit sehr viel Übung bei nahen Motiven und einer Brennweite ab 50mm aufwärts. Zudem muss die Mattscheibe ausgetauscht werden. Die Funktionen an der Olympus OMD EM-10 Mark II haben mir den Umgang mit älteren Objektiven wieder schmackhaft gemacht. Ich werde mittelfristig definitiv in diesem Bereich noch die ein oder andere Linse (sicher 50mm oder mehr) ausprobieren!

PS: Wenn du jetzt auch Interesse an alten Objektiven hast, gibt es im Netz zahlreiche Quellen, um sich einen Überblick zu verschaffen. So kann man zum Beispiel in dieser Datenbank passende Objektive nach bestimmten Kriterien suchen. Und auf dieser Seite sind viele kleine Artikel mit Erfahrungsberichten verschiedenster alter Objektive zu finden.

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  • antworten André Leisner ,

    Hallo Thomas,

    ein spannendes Thema. Eins meiner Lieblingsobjektive ist ein altes Nikon AF Nikkor 85mm 1:1,8D, das ich sehr häufig in der Portraitfotografie einsetze. Definitiv werde ich mich auch noch mal nach älteren Objektiven im Weitwinkelbereich umschauen. Beim genannten 85mm Objektiv gefällt mir vor allem das schöne weiche Bokeh, Danke für Deine Linktipps.

    Viele Grüße
    André

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